von Zero_Alpha
Herzlich Willkommen in den Weiten der erklärungsbedürftigen Grauzonen von Final Fantasy IX.
Wie bei allen Final Fantasy Spielen hat auch die Welt aus dem 9. Teil ihre eigene Geschichte und interpretationsbedürftigen Aspekte, die dem Spieler auf dem ersten Blick wohlmöglich nicht einmal auffallen. Ist man jedoch an dem Punkt angelangt, sich über gewisse Gegebenheiten Gedanken zu machen, lässt sich ohne eine tiefergehende Beschäftigung mit der Materie kaum eine angemessene Antwort finden. Im Folgenden wollen wir den Nebel Iifars ein wenig lichten, indem wir uns mit einigen Fragstellungen näher auseinandersetzen. Wie bei Interpretationen üblich, kann man sie nicht als 100% korrekt bezeichnen, sondern sind als Annäherung an die Wahrheit zu verstehen.
Genome und Schwarzmagier sind beide zu einem bestimmten Zweck erschaffen worden. Man könnte meinen, dass sie das gleiche Schicksal teilen und daher viel verbindet. Doch ist dem wirklich so? Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass sie zwei Faktoren grundlegend unterscheidet – die Zeit und eine Seele.
Ein großes Thema für die Schwarzmagier spielt die ihnen gegeben, kurze Lebenszeit und die damit verbundene Angst und Ungewissheit vor dem Tod. Besonders die Bewohner des Dorfes der Schwarzmagier fühlen sich mit dem Tod, dem von ihnen bezeichneten „Stehenbleiben“, konfrontiert. Sie fürchten und fragen sich, was es zu bedeuten hat. Kurzum, sie zeigen Emotionen und Empathie. Als Paradebeispiel lässt sich Vivi anführen, der sich viele Gedanken um seine Existenz macht und mit seinen Freunden und Artgenossen Freud und Leid durchlebt.
Doch warum können sie fühlen? Es lässt sich damit begründen, aus was Schwarzmagier bestehen. Ihre Existenz wurde aus dem Nebel erschaffen, den der Baum Iifars emittiert. Der Nebel ist lediglich ein Nebenprodukt, das beim Kreislauf, die Seelen Gaias mit denen Terras im Zyklus des Lebens auszutauschen, anfällt.
Seelenfänger: „Der Nebel wird nicht absichtlich erzeugt… Er ist nichts weiter als ein Abfallprodukt, ausgestoßen über die Wurzeln des Baumes. […] Nur hatte Kuja wohl das Abfallprodukt zweckentfremdet und für seine eigenen Ziele missbraucht. […] Er schuf aus diesem Nebel Waffen. […] Kuja taufte sie „Schwarzmagier“. Eine Lebensform geschaffen aus der Finsternis des Nebels.“
Somit ist der Nebel ein Kollektiv der Seelen Gaias, die aus dem Kreislauf verbannt wurden. Das lässt den Schluss zu, dass Schwarzmagier aus Seelen geschaffen wurden, die alle Verhaltensweisen und Empfindungen eines normal geborenen Wesens besitzen.
Die Genome hingegen sind von Garlant erschaffene Geschöpfe, denen keine Seele gegeben wurde und die bei der Wiederauferstehung Terras für die erwachenden Seelen als Gefäße bereit stehen sollen. Sie besitzen nicht die Fähigkeit, reflektierend zu denken oder zu empfinden.
Zidane: „Froh…? Weißt du überhaupt, was es bedeutet, froh zu sein? Kennt ihr das Gefühl der Freude überhaupt? Ihr seid doch alle nur willenlose Kreaturen ohne Seele!“
Mikoto: „Daran kann man nichts ändern… Schließlich wurden wir so erschaffen. […] Sie sind nur leeren Hüllen… So wie du und ich… Das wirkliche Volk von Terra schläft noch… Seit jeher haben die Terrianer neue Planeten zu ihren eigenen gemacht, um zu überleben… Ist dieser Zeitpunkt gekommen, werden die Genome mit den Seelen der Terrianer gefüllt… […]“
Da sie keine Seele besitzen und ihr Dasein bis zu dem Tage fristen, an dem Gaia zu Terra wird und ihre Körper von Terras Seelen erfüllt werden, spielt Zeit keine Rolle.
Die Welt Terra, die sich in einem transzendenten Zustand befindet, ist von jeglicher Zeitrechnung losgelöst – nichts fließt, alles steht still.
Genom: „Ist dieses Wasser denn niemals still?“
Schwarzmagier Nr. 87: „??? …Normalerweise fließt Wasser doch immer.“
Genom: „Das Wasser in Bran Barlu schwankte nur leicht… Aber es stand immer still und wartete darauf, dass die Zeit vergeht…“
Schwarzmagier Nr. 87: „Man sagt doch auch, die Zeit fließt? Oder heißt es doch, die Zeit vergeht?“
Genom: „Auf Gaia fließt also das Wasser und vergeht die Zeit…“
Die Genome benötigen anscheinend nicht einmal Schlaf und das Verständnis von Tag und Nacht (sich ändernden Zeiten) ist ihnen fremd.
Zidane: „Hey, gibt‘s hier in der Gegend einen Platz, wo man sich ausruhen kann?“
Genom: „Ausruhen… Zu welchem Zweck?“
Zidane: „Was ist denn das für ‘ne Frage… Wenn es Nacht wird und ihr müde sei, geht ihr doch auch schlafen, oder nicht?“
Genom: „Mit „Nacht“ …beschreibst du den Zustand der Dunkelheit?“
Das lässt die Vermutung zu, dass, solange auf Terra der Fluss der Zeit und der Seelen still steht, die Genome ewig existieren. Allerdings bedeutet es nicht, dass sie leben, weil sie nicht wissen, was ein Leben ausmacht (Denken und Fühlen). Dass Zeit für die Genome keine Rolle spielt, wird auch anhand einer Aussage von Garlant über Kuja deutlich, der als Genom mit einer Seele eine Ausnahme darstellt.
Garlant: „Als Gefäß für die Seelen warst du unnütz. Glaubst du, ich hätte so einem Genom ewiges Leben geschenkt? […] Die Lebensdauer deiner Seele ist nur von begrenzter Zeit… Und deine Zeit ist bald abgelaufen… […]“
Kuja: „… … Ha…hahahahaha. Ich wusste doch. dass du ein schlechter Verlierer bist. Meine Seele erlischt? …Ist es das, was du andeuten willst? Hahaha… Das ist nichts weiter als eine Lüge, um mir meinen Triumph zu verderben, nicht wahr? … … Antworte, Garlant!!“
Garlant: „Du warst lediglich ein Todesgott auf Zeit… Das ist der wahre Sinn deiner Existenz.“
Kuja: „[…] Hahaha… Welch Ironie des Schicksals…! Jetzt, wo ich endlich die ersehnte unermessliche Kraft in meinen Händen halte, soll meine Seele erlöschen? Sterben…? ICH? […]“
Wieso sonst sollte Kuja annehmen, er könne ewig existieren, wenn es nicht die anderen Genome ebenfalls könnten, zu denen er gehört? Da er jedoch eine Seele erhielt und damit die Fähigkeit, zu fühlen und ein Bewusstsein zu entwickeln, ähnelt Kujas Existenz mehr den Schwarzmagiern, die er selbst erschuf, als den Genomen.
Kuja: „Verhöhne mich, Zidane!! Ich, der über die Schwarzmagier lachte! Und jetzt stellt sich heraus, dass ich selbst nur eine Marionette bin?!“
Vivis Annahme jedoch destabilisiert die Theorie, Genome seien bloß seelenlose Hüllen.
Vivi: „Ich versuche, mit den Kindern hier zu sprechen… Sie sehen ja ungefähr alle so alt aus wie ich, aber…“
Zidane: „Versuch’s erst gar nicht. Von denen bekommst du keine gescheite Antwort…“
Vivi: „Hmm… Aber ich glaube, wenn man es oft genug probiert, verstehen sie einen bestimmt.“
Zidane: „Erstaunlich… dass gerade du so was sagst.“
Vivi: „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber…irgendwie…haben sie große Ähnlichkeit mit…“
Zidane: „Ähnlichkeit? Dass ich ihnen ähnlich sehe, kann ich selbst sehen.“
Vivi: „Nein, nein… ich meine nicht mit dir, sondern mit den Schwarzmagiern, auf dem Frachtschiff zum Beispiel… Nicht vom Aussehen… Aber eines weiß ich: Die Herzen dieser Kinder sind bestimmt nicht einfach nur leer. Vielleicht sind sie nur gerade auf einer Reise…“
Vivi vergleicht den Zustand der Genome mit dem jener Schwarzmagier, die willenlos Befehlen gehorchten und sich nicht fragten, wer oder was sie waren. Möglicherweise wäre es den Genomen möglich, ebenfalls ein eigens Bewusstsein zu entwickeln, wenn man ihnen die Art und das Verständnis des Lebens näher brächte. Szenen, die auf solch eine Veränderung anspielen, finden im Dorf der Schwarzmagier statt, nachdem die Genome dort hingebracht wurden.
Im Gespräch mit den Schwarzmagiern beginnen sie langsam zu hinterfragen und zu erfahren, was Leben ausmacht. Als bräuchte man lediglich Geduld und Zeit, ihnen zu vermitteln, was man ihnen auf Terra entsagt hat – eigenes Denken und Handeln. Vivis Aussage könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie vielleicht seelenlos aber keinesfalls willenlos sind. Denn es ist gut vorstellbar, dass die Genome so apathisch sind, weil sie seit Anbeginn ihres Seins keinen anderen Zustand kennen.
Der große Unterschied, dass Schwarzmagier aus reinen Seelen bestehen und Genome keine Seele besitzen, macht deutlich, dass ihre Existenzen zwar von Grund auf verschieden sind und sie daher die Bedeutung des Lebens verstehen bzw. nicht verstehen, sie jedoch eint, dass sie ein eigenes Bewusstsein besitzen, was ihnen ihre Schöpfer ursprünglich verneint haben. Beide lassen sich mit unerfahrenen Kindern vergleichen, die vielseitige Erfahrungen machen müssen, um sich selbst und die Geschehnisse in ihrem Umfeld zu verstehen.
Ein Gastbeitrag von Seraphblade. Herzlichen Dank!
„Nr. 288 erklärte mir, was es heißt, zu leben oder zu sterben…“
„Das tat er, weil ich glaubte, dass sterben sich vom stehenbleiben unterscheidet…“
„Ich denke nicht, dass ich weiß, was es heißt zu leben oder zu sterben… Woher kommen wir…? Kehren wir dorthin zurück, wenn wir sterben…? Wenn es das ist, was es bedeutet zu leben… Ich frage mich, woher ich stamme … Wo werde ich sein, wenn ich sterbe …? Warum zittere ich…? Was ist das? Ich… fühle…?“
— Vivi Orunitia, Final Fantasy IX
In wohl keinem anderen Teil der Reihe wird das Thema Tod so explizit und deutlich behandelt, wie in Final Fantasy IX.
Im gesamten Verlauf der Geschichte werden wir mit dem Tod von Schlüsselfiguren konfrontiert. Besonders Vivi und seine „Kumpane“ aus dem Dorf der Schwarzmagier haben eine besondere Bindung zu diesem Thema. Sie alle fürchten, dass sie eines Tages „stehenbleiben“, aber ist diese Angst auch gerechtfertigt?
Direkt zu Beginn lernen wir den kleinen Vivi kennen, einen Schwarzmagier, dessen Herkunft und Natur für ihn genauso mysteriös sind, wie für den Spieler.
Je weiter man im Spiel voranschreitet, hinterfragt er immer mehr seine Herkunft und sein Leben. Im Laufe der Geschichte entdeckt man eine Fabrik, die Wesen erschafft, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit ihm besitzen. Von diesem Augenblick an sucht Vivi nach Antworten, die seine Existenz und seinen Daseinssinn erklären.
Es stellt sich heraus, dass er der Prototyp eben jener Wesen, der Schwarzmagier, ist, geschaffen von einem Mann namens Kuja. Das Produkt einer komplexen Verschmelzung von Technik und Magie.
Den meisten Schwarzmagiern fehlt ein eigenständiges Bewusstsein und so fristen sie ihr Dasein als Puppen im Dienste Kujas. Über die Zeit erwacht jedoch in einigen wenigen Exemplaren ein eigenes Bewusstsein und sie wollen der Kontrolle der Menschen über sie entfliehen.
Als die Gruppe (Vivi, Lili, Zidane und Quina) das Dorf dieser Flüchtlinge auf dem Äußeren Kontinent entdecken, sieht sich Vivi zum ersten Mal mit der Erkenntnis über das eigene Ableben konfrontiert.
Die folgende Unterhaltung findet auf dem angelegten Friedhof statt, auf dem die Schwarzmagier ihre stehengeblieben Gefährten begraben:
Schwarzmagier Nr. 288: „Ja… Hier sind unsere Freunde begraben, die einfach stehengeblieben sind…“
Vivi: „Stehengeblieben? …Aber wieso?”
Schwarzmagier Nr. 288: „Weil…“
Schwarzmagier Nr. 56: „Ich und… Nr. 36 sind zusammen bis hierher geflohen. Wir haben hier ein Dorf gebaut und es gibt so vieles, was wir nicht verstehen und… …und dann ist Nr. 36 eines Tages einfach stehengeblieben. Er hat sich kein bisschen mehr bewegt…. Ein Freund von mir, der viel weiß, erzählte mir, dass dies bedeutet „zu sterben“. Und wenn man stirbt, muss man sich unter der Erde verstecken. Ich verstehe nur nicht, warum Nr. 36 sich dort unten verstecken muss. Aber irgendwann kommt er doch wieder aus der Erde, nicht wahr? Dann können wir wieder zusammen spielen.“
Vivi (zu Nr. 288): „Wie… wie ist er denn einfach stehengeblieben…?“
Schwarzmagier Nr. 288: „… …“
Vivi: „War er vielleicht krank? Oder verwundet?“
Schwarzmagier Nr. 288: „… …“
Vivi: „Sag doch! Was ist denn passiert?!“
Aus dieser Szene lässt sich schließen, dass Vivi nicht begreift, wie jemand sterben kann, ohne krank oder verletzt zu sein und die Tatsache, dass er auch nicht nach dem Alter von Nr. 36 fragte, zeigt, dass Vivi nicht zu wissen scheint, dass der Tod auch altersbedingt eintreten kann. Wir erfahren aus weiteren Gesprächen zwischen Vivi und Schwarzmagier Nr. 288, dass sowohl Vivi als auch alle anderen Schwarzmagier sich „vor dem Tod fürchten“. Aber ist diese Furcht gerechtfertigt?
Um die Angst vor dem Tod zu rechtfertigen, muss man verstehen, was der jeweiligen Person durch den Tod genommen wurde. Menschen werden verletzt, indem man einen oder mehrere persönliche Werte (und somit ihren eigentlichen und individuellen Sinn im Leben) in irgendeiner Weise angreift oder behindert. Das Ausmaß, in dem der Tod einer Person die eigene Lebensweise beeinflusst, ist ein möglicher Gradmesser, ob diese Person eine gerechtfertigte Angst vor dem Tod hat.
Im Falle von Nr. 56 scheint dies plausibel. Er verbrachte die gesamte Zeit, an die er sich erinnern kann, mit Nr. 36, machte einschneidende Erlebnisse in seinem Leben mit ihm zusammen, was eine emotionale Bindung zur Folge hatte. Das plötzliche Ende von Nr. 36 Lebenszeit verletzte ihn in seinen seelischen Grundwerten, da er es nicht begreifen konnte, dass jemand, der ihm nahe stand, plötzlich nicht mehr existent war.
Aber wie sieht es bei Vivi aus? Nun, man muss sehen, wie sich diese Grundwerte in seinem Fall zusammensetzen.
Einer der deutlichsten Züge von Vivi ist die ausgeprägte Moralvorstellung.
Er bezeichnet oft bestimmte Personen und Taten als „böse“ und „schlecht“. Er möchte nicht nur vermeiden, böse oder schlecht zu sein, sondern auch verhindern, dass andere ihm diese negativen Eigenschaften zuschreiben. Man kann dies als eine Reaktion auf die Tatsache sehen, dass die anderen Schwarzmagier auf der ganzen Welt Angst und Schrecken verbreiten. Zu jeder Zeit, in der im Spiel solche Ereignisse stattfinden (Bsp. die Invasion in Lindblum), betont Vivi emphatisch, er würde niemals jemandem etwas antun, und zwar, weil es von seinem moralischem Standpunkt aus etwas Böses und Schlechtes und folglich etwas für ihn nicht Vertretbares wäre.
Kann allerdings seine Moralvorstellung durch den Tod gemindert oder gar behindert werden?
Wenn Vivi glaubt, dass Moral sich lediglich daraus zusammensetzt, nichts Unrechtes zu tun und er genau danach handelt, macht es keinen Unterschied, ob er heute oder in 100 Jahren stirbt, denn sein moralischer Standpunkt würde sich nie ändern.
Vivi jedoch ein unmoralisches Leben geführt (vor den Ereignissen im Spiel), dann benötigte er die Zeit, um diese Fehler wieder gutzumachen.
Mit der Zeit würde sich der prozentuale Anteil seiner Unmoralität verringern, je weiter er voranginge. In diesem Falle wäre der Tod in der Tat ein Ereignis, die in der Erfüllung seiner moralischen Befriedung sehr einschneidend und hinderlich wäre. Das heißt, dass ein längeres Leben in Vivis Fall seine Moral unterstützen und zugute kommen würde. Natürlich muss man auch die andere Seite der Medaille sehen, da ein längeres Leben auch die Möglichkeit beinhaltet, weiterhin unmoralisch zu sein.
Von Vivis Standpunkt aus, wie er im Spiel vertreten wird (er führte ein moralisches Leben und hat niemandem geschadet, was auch Vivis erklärtes Ziel ist, neben der eigentlichen Story), wäre der Tod also eigentlich ein vertretbares Vorgang.
Ein weiterer Aspekt von Vivis Wesen ist der Drang nach Wissen und die damit verbundene Neugier.
Fragen über seine Herkunft, seine Natur und die Frage, ob er denn wie die anderen Schwarzmagier sterben werde, treiben ihn dazu an, immer weiterzumachen. In diesem Falle ist es so, dass ein späterer Tod ihn weniger in seinen Grundwerten verletzt, als es ein früherer Tod täte, denn: je länger er lebt, umso mehr Antworten findet er auf die Fragen, die ihn quälen.
Der vielleicht normalste Grundwert, den ein Mensch besitzt, ist vermutlich das Bewusstsein und Wissen um seine eigene Existenz, sowie das Bestreben, diese Existenz fortzusetzen.
Es gibt Menschen, die den Tod alleine durch die Tatsache fürchten, dass sie wissen, das selbiger ihre Existenz beendet und mit ihrer Existenz auch alle Werte, die diese Person vertritt.
Vivi sieht bestimmte Personen und das Leben im Allgemeinen als wichtigsten Teil seines Lebens. Das ist auch der Grund, warum er an den zahlreichen Kämpfen teilnimmt und sich ebenso Necron (Ewiges Dunkel) gegenüber stellt.
Vivis Wertschätzung allen Lebens wäre durch den Tod gehindert, da er sonst nicht mehr da wäre, um alles zu schützen, was ihm etwas bedeutet. Das heißt im Klartext, um das Leben weiterhin schützen zu können, muss er selbst am Leben sein. Der Tod würde diese Grundsatzvorstellung eindeutig verletzen. Insofern sind zumindest Vivis Ängste begründet.
Ebenso oft wird in Final Fantasy IX das Thema der Erinnerungen behandelt. Seien es Vivis, Garnets oder Zidanes wahre Vergangenheit, sowie der komplett Ort Memoria, betretbar nahe Ende der Geschichte – Erinnerungen begleiten uns durch das gesamte Spiel. Sogar der Spieler wird innerhalb des Spiels mit seinen Erinnerungen an andere Teile der FF-Reihe konfrontiert. Aber was genau sind Erinnerungen und was für einen Einfluss haben sie auf die Charaktere in dieser Geschichte?
Wenn man Garland, dem Mann, der im Hintergrund die Fäden zieht, glauben darf, währen alle Erinnerungen, die ein Wesen im Laufe seines Daseins sammelt, ewig, da sie alle von einem Ursprung ausgehen und auch dorthin zurückkehren. In diesem Zusammenhang beschreibt Garland die Erinnerungen wie folgt:
Garland: „Alles Leben ist miteinander verbunden… Folgt man dem Faden, der diese Verbindungen der Leben zusammenhält, gelangt man zu einem einzigen Ursprung… Dasselbe gilt auch für alle Erinnerungen. […] Erinnerungen gehören nicht einem einzigen, sondern entwickeln sich durch Auftürmen immer weiter fort. Die Erinnerung des nächsten Augenblicks ist gleichzeitig nicht nur die eigene, sondern die Erinnerung aller Existenzen… Man kann sagen, dass die Erinnerungen selbst für die Weiterentwicklung verantwortlich sind. Die wenigsten jedoch scheinen die Erinnerungen als solche zu verstehen.“
Dass Evolution und Erinnerung ohne einander nicht stattfinden können, ist bereits wissenschaftlich erwiesen. Sie sind die treibende Kraft der natürlichen Selektion. Einem Wesen widerfährt etwas und auf der Basis dieser Erfahrung entwickelt es sich weiter. Wenn es dies nicht täte, würde es den eigenen Untergang bedeuten, wofür es in der realen Weltgeschichte genügend Beispiele gibt.
Garlands Aussage ließe sich auf vielerlei Weise interpretieren, aber eine Sache ist Fakt: Solange das Leben besteht, währen Erinnerungen ewig.
Vivis Freund Zidane überwindet seine Angst vor dem Tod durch den unerschütterlichen Glauben, dass der individuelle Part eines jeden Seins, die Erinnerungen, selbst nach dessen Vergehen weiterbestehen. Eine Art Unsterblichkeit-Theorie auf einer nicht-physischen Basis.
In Vivis Fall findet diese Theorie explizit Bezug.
Laut Garlands Aussage entstehen sowohl Erinnerungen als auch Evolution aus Vorangegangenem.
Erinnern wir uns an die Endsequenz, in der Puck nicht Vivi, sondern seinen Söhnen begegnete. Dies könnte die Vermutung zulassen, dass Vivi in der Endsequenz bereits tot wäre, dies jedoch kein furchtbares Geschehen sei, da seine Nachkommen laut der genannten Hypothese sowohl sein Wesen als auch seine Erinnerungen in sich tragen. Ob dies nun auch den Tatsachen entspricht, sei dahingestellt, fest steht aber, dass viele Menschen die Erfüllung ihres Daseins in der Zeugung von Nachkommen sehen. Der Fakt, dass sich Vivi eben für diese Art der Erfüllung entschieden hat, wird im Spiel in zwei Szenen widergespiegelt.
Zum einen zu dem Zeitpunkt im Spiel, an dem die Schwarzmagier sich dazu entschließen, Kuja zu dienen. Sie wissen, dass es falsch ist, was er tut, aber sie tun es aus Angst davor, stehen zu bleiben, da Kuja ihnen verspricht, ihr Leben zu verlängern. Lediglich zwei Schwarzmagier bleiben zurück, um ein Chocobo-Ei zu hüten. Sie empfinden es als wichtiger und emotional befriedigender, ein neues Leben sicher in jene Welt zu geleiten, als ihr eigenes Leben durch schlechte Taten zu verlängern.
Der Zweite Hinweis lässt sich in der Endsequenz finden und zwar durch die Tatsache, dass wir Vivis Kinder sehen, aber von ihm selbst jede Spur fehlt. Interessanterweise ist diese Sequenz klar als Happy End definiert, egal, ob Vivi noch lebt, oder nicht. Die äußerliche Ähnlichkeit und das Verhalten anderen gegenüber, lässt darauf schließen, dass ein gewisser Teil von Vivi in seinen Nachkommen nach wie vor weiterexistiert.
Vivis Wesen definiert sich durch sehr viele Aspekte, aber gerade diese Aspekte seines Seins definieren einen wichtigen Teil seiner Handlungen innerhalb des Spiels.
Wir müssen allerdings beachten, welche dieser Aspekte objektiv gesehen so wichtig sind, dass sie einen Einfluss auf Vivis Psyche haben, was sich in der Furcht vor dem Tod auswirkt.
Der Philosoph Epikur (341-270 v.Chr.) glaubte beispielsweise, dass der einzige Wesenszug, der einen wirklich objektiv wichtigen Stellenwert besäße, die Freude sei. Ebenso war Epikur der Ansicht, dass der Tod auch nicht zu fürchten sei. Für den Philosophen war Freude ein Zustand, der einträte, wenn man weder physischen noch mentalen Schmerz fühle.
In diesem Fall müsste Vivi entweder körperlichem oder mentalem Schmerz ausgesetzt sein, um seinen seelischen Zustand in Bezug auf Freude (dies beinhaltet alles, was ihm lieb und teuer ist) negativ zu beeinträchtigen. Würde er aber sterben, wäre er nicht in der Lage, irgendetwas zu erfahren und das schließt auch Schmerz mit ein. Sterben mag vielleicht schmerzhaft sein, aber der Tod an sich ist es nicht. Vivi und die anderen Schwarzmagier müssten unter diesem Standpunkt nicht einmal davor Angst haben, da „Stehenbleiben“ allem Anschein nach mit keinerlei Schmerz verbunden ist. Das Leben endet schlichtweg einfach.
Aber der Tod eines anderen ist in der Lage, die eigene Freude zu erdrücken. Vivi zum Beispiel ist traurig, als Garnets Mutter getötet wird, was folgende Aussage bestätigt:
Vivi: „Als mein Großvater gestorben ist,… war ich mir dessen nicht so bewusst… Er sagte mir, ich dürfe nicht traurig sein… Deswegen habe ich versucht, nicht traurig zu sein… Vielleicht ist es deswegen,… dass sich in mir nur so ein komisches Gefühl breit macht, wenn ich etwas über meine stehengebliebenen Freunde höre… …Dann weiß ich nicht, was ich machen soll, wenn ich mich plötzlich so fühle… Aber weißt du, als die Mutter von Lili starb, und ich sah, wie sie weinte, da habe ich gedacht… Das bedeutet es also,… traurig zu sein…“
Warum ist es ausgerechnet Trauer, was Vivi zu diesem Zeitpunkt verspürt?
Auf der einen Seite kann es sein, weil Garnet trauert und sie eine Person ist, deren Glück Vivi am Herzen liegt. Zum andern liegt es auch nahe, dass Garnets Reaktion über den Tod ihrer Mutter Vivi dazu brachte, im Nachhinein über den Tod seines Großvaters zu trauern. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass Garnets Reaktion in Resonanz mit Vivis Gefühlen gegenüber allen Leuten einher geht, die um ihn herum sterben. Vielleicht betrauert er in diesem Moment den Tod all derer, die bereits ihr Leben ließen und vielleicht sogar jene, deren Tod bereits unvermeidlich bevor steht (wie z.B. die Schwarzmagier). Egal, weshalb Vivi in dieser Szene letztendlich traurig ist, man kann daraus ableiten, dass der Tod sowohl seine Freude bzw. sein Glück, als auch das von Garnet stark beeinträchtigt hat.
Wenn das Glück eines Menschen durch den Tod eines anderen gemindert werden kann, dann fürchtet Vivi den Tod, weil er weiß, dass der Tod eines Menschen, der ihm etwas bedeutet, ihn unglücklich macht. Das rechtfertigt seine Furcht vor dem Tod ebenso wie es die Tatsache, dass andere Menschen durch seinen eigenen Tod unglücklich sein werden.
Epikur glaubte, dass Menschen, wie zum Beispiel Vivi Angst vor dem Tod empfinden, da sie befürchten, dass ihr eigenes individuelles Glück durch den Tod zerstört wird. Diese Annahme ist jedoch falsch, da der Tod selbst nur unbewusst stattfindet. Indem man realisiert, dass der Tod einem in keiner Weise schadet, könnte man sich sogar von der Bürde aller Qualen befreien, die die Angst vor dem Tod mit sich bringt.
Das Ewige Dunkel kommt Epikur philosophischen Theorien recht nahe. Nachdem Kuja den Kristall, die Quelle allen Lebens, zerstört hat, sagt Ewiges Dunkel folgendes:
Ewiges Dunkel: „…Meine Aufgabe besteht nur in einem. In der Erschaffung des absoluten Nichts. Ohne jegliche Entwicklung. Ohne Kristall. Eine Welt, in der es keine Geburt gibt… Ist dies alles nicht vorhanden, wird es auch keine Angst mehr geben… Eine Welt, die ihr euch so sehnlichst gewünscht habt… […] Der Wille nach Leben, trotz all der Qualen, die ihr erleiden müsst, ist der Beweis eurer törichten und unheilbaren Krankheit… genannt Hoffnung. Aber irgendwann wird diese Hoffnung zur Angst werden, und ihr werdet den gleichen zerstörerischen Weg wie Kuja wählen… Unmerklich bewegt ihr euch selbst auf die eigene Zerstörung zu. […] Alles in diesem Universum existiert nur aus dem einen Grund, nämlich um wieder zerstört zu werden. Dies war die Antwort, die er gefunden hatte… Ich habe nur auf jemanden gewartet, der diese Antwort findet. Und jetzt, wo sie gefunden wurde, muss diese Welt vernichtet werden.“
Als Referenz findet ihr im Spoiler die direkte Übersetzung der englischen Fassung.
Aus dieser Äußerung lässt sich ableiten, dass Ewiges Dunkel in Kujas Tat, den Ursprung allen Lebens zu vernichten, etwas sieht, was den Sinn des Lebens verneint. Ewiges Dunkel spielt damit darauf an, dass die Furcht vor dem Tod (das Motiv für Kujas Absicht, den Kristall zu zerstören) das ist, was den wahren Sinn des Lebens erst zunichtemacht.
In diesem Fall ist folgende These plausibel: Ewiges Dunkel ist der Auffassung, ebenso wie Epikur, dass Glück und Freude wichtige objektive Werte seien und wenn man diesen Zustand nicht erreichen oder halten könne, damit der Sinn des Lebens ende, sollten diese Werte verloren gehen. Hinzu kommt folgende Aussage:
Ewiges Dunkel: „Euer Leben besteht aus Unsicherheit, Kummer und der Angst, irgendwann einmal zu sterben. Euer Leben wird davon beherrscht… In dem Moment der Wahrheit, in dem euch bewusst wird, dass ihr eurem eigenen Tod nicht entkommen könnt, erwacht die Angst in euch… Je größer die Angst vor dem Tod, desto größer der Schmerz, und doch könnt ihr den Tod nicht akzeptieren. So entwickelt sich der Hass und der Neid gegen alles Lebende. Die gewachsene Angst vor dem Tod kann nicht kontrolliert werden. Die einzige Rettung erfolgt in der völligen und vollkommenen Zerstörung. Kuja unterlag seiner eigenen Angst und versuchte, den Ursprung allen Seins, das Kristall, zu zerstören. In dem Irrglauben, so sich selbst retten zu können.“
Hier erneut der Bezug zur englischen Fassung.
Ewiges Dunkel glaubt, dass die Menschen ihrer Furcht nicht entkommen können. Kujas Aktionen bestätigen also Epikurs Theorie, die besagt, dass die Furcht vor dem Tod jemandem daran hindere, Freude zu empfinden und somit den Sinn des Lebens annulliere. Die These sieht in etwa so aus, als dass Glück und Freude der Ursprung des Sinnes zu existieren seien und dass niemand diesen Ursprung erreichen könne, solange die Angst vor dem Tod diese Emotionen behindere.
Ewiges Dunkel unterscheidet sich lediglich darin, dass es glaubt, die Menschen könnten ihre Furcht nicht überwinden. Wenn Epikur das gleiche geglaubt hätte, würde er ebenso mit Ewiges Dunkel übereinstimmen, dass das Leben ende müsse, da es ihm an Sinn fehle.
In diesem Fall versucht Ewiges Dunkel lediglich jegliche schädlichen Einflüsse (Furcht) zu entfernen, was man durchaus als heldenhaften Vorsatz verstehen kann. Deshalb sollte man Ewiges Dunkel nicht als böse Instanz kategorisieren.
Allerdings gibt es auch für diese These Möglichkeiten, sie zu widerlegen.
Das wahrscheinlich vielversprechendste Gegenargument ist die Tatsache, dass Menschen durch den Tod alles verlieren, was ihnen wichtig ist. Auf FF IX bezogen, wären die Figuren durch den Tod nicht mehr in der Lage, all die Dinge, die diese Welt für sie bereit hält, zu genießen (Bsp. die „leckeren“ Frösche, die Chocobo-Schatzsuche oder das Jagdfestival).
Die Frage, ob der Tod Vivi verletzt, hängt davon ab, welche Wesenszüge und objektiv bedeutsamen Werte wir ihm zuschreiben, und welche Werte das Spiel selbst zum Ausdruck bringt.
Dieses Skript betrachtet nicht nur die Werte, die Vivi ausmachen, sondern auch Werte, die in jeder einzelnen Figur des Spieles vorkommen und die jede Figur auf ihre eigene Art verarbeitet. Bei Vivi kommt dies storytechnisch am meisten zum Tragen.
Im Endeffekt ist Vivi lediglich der Ausgangspunkt, der mich dazu inspiriert hat, über Wertvorstellungen und die Furcht vor dem Tod nachzudenken. Ich hoffe, dass ich einige Leser vielleicht zur Reflexion über das Thema Furcht vor dem Tod in FF IX anregen konnte.
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