von Leviathan
Nachdem Tomoya Asano (u.a. «Final Fantasy: The 4 Heroes of Light») im September diesen Jahres sein neustes Projekt auf einer 3DS-Konferenz im Vorfeld der Tokio Game Show angekündigt hatte, mußte er zunächst eine Menge Spott ertragen. Der Titel «Bravely Default», was wohl soviel wie «(von Haus aus) mutig eingestellt» heißen soll, wurde von einigen Kommentatoren in die Nähe der aktuellen Finanz- und Schuldenkrise gerückt, denn das englische Wort default kann man auch mit Zahlungsverweigerung übersetzen. Als wenn das noch nicht genug wäre, läßt sich der Untertitel «Flying Fairy» mit «FF» abkürzen, was den Verdacht nahelegt, daß hier ein weiterer Final-Fantasy-Ableger notdürftig als neues Spiel kaschiert werden soll. Was sich aber genau hinter «Bravely Default» verbirgt und ob die Kritik gerechtfertigt ist, erfahrt ihr im folgenden Text.
Tomoya Asano von Square Enix produziert dieses Spiel in Zusammenarbeit mit dem externen Studio Matrix Software. Zuvor hatte man neben dem oben erwähnten «The 4 Heroes of Light» auch die DS-Remakes von Final Fantasy III und IV gemeinsam hergestellt. Für das Charakter-Design holte man Akihiko Yoshida (u.a. «Vagrant Story») an Bord, ebenfalls ein alter Bekannter aus dem T4HoL-Team. Da drängt sich unweigerlich der Verdacht auf, daß man es hier mit dem Nachfolger von «The 4 Heroes of Light» zu tun hat – ein Eindruck, der durch die ersten Bilder des Spiels noch verstärkt wird.

Skizze des Hauptcharakters und einiger weiterer Figuren aus dem Spiel.
Zwar weist Asano solche Vorwürfe von sich und kommentiert das «FF» im Untertitel als «Zufall», doch Hinweise auf die alten FF-Teile finden sich allerorten: Ein Piano in der örtlichen Bar, die typischen Symbole (Schwert und Zauberrute) über den Geschäften, die frei begehbare Weltkarte, das Charakter-Design und natürlich Zufallskämpfe, die rundenbasiert ausgefochten werden.
Laut einem Bericht bei ComputerAndVideoGames könnten die Entwicklern bei der Namenswahl beabsichtigt haben, ihr stilistisch an die ursprünglichen Final Fantasys anknüpfendes Spiel von den modernen, durchgestylten FF-Titeln abzugrenzen.

Das Land Luxemdark: Die noch namenlose Hafenstadt, die man zu Beginn erkundet.
So ist es kein Wunder, daß Asano sein neustes Werk unumwunden als «Oldschool-RPG» bezeichnet und im oben verlinkten Interview allen Fans klassischer J-RPGs ein wundervolles Spiel verspricht, auf das sie sich freuen können. Was das Gameplay angeht, blieben seine Aussagen vage, doch sprach er davon, daß es – wie in einem typischen J-RPG – Zufallskämpfe geben werde, die rundenbasiert ausgetragen werden. Des weiteren stellte er ein umfangreiches Job- und Ability-System in Aussicht, das sich an dem in dieser Hinsicht viel gerühmten «Final Fantasy V» orientiert. Ein Artwork, das auf der Facebook-Seite zum Spiel erschien, zeigt eine Figur, die an die Job-Klasse «Dunkelritter» erinnert; auch eine bewaffnete Nonne ist dort zu sehen.
Wunderschön ist die Graphik von «Bravely Default». Während beim Vorgänger (nennen wir ihn ruhig so) «The 4 Heroes of Light» eine detailarme Klötzchengraphik geboten wurde, die den Illustrationen Yoshidas nicht gerecht wurde, schmeicheln in «Bravely Default» liebevoll gezeichnete und animierte Bildschirme dem Auge. Der unverkennbare Stil von Akihiko Yoshida wurde nahezu perfekt in Spielgraphik umgesetzt. Man darf gespannt sein, wie das Spiel in 3D auf der Konsole wirken wird. Die bisherigen Bilder vermitteln eine maritime Atmosphäre: Anscheinend befindet man sich zu Beginn in einer Hafenstadt, deren verwinkelte Gassen und verträumte Häuser sich unterhalb einer mächtigen Zitadelle ausbreiten. Schön: Der Trailer von der Tokio Game Show legt nahe, daß es eine Weltkarte geben wird, auf der man sich zwischen den Orten und Dungeons bewegen kann.
Hier besagter Trailer:
Einige Worte zur musikalischen Seite: Der offizielle Internetauftritt bietet aktuell zwei Lieder. Diese sind auch im Trailer zu hören: Zunächst ertönt eine Spieluhr («Music Box Song»). Ab 0:28 folgt ein weiteres Lied, das den Titel «Land of Light and Darkness» trägt. Es wurde auf der Sampler CD 2011 Vol. 6 veröffentlicht und ist in voller Länge auf YouTube zu finden. Unklar ist momentan, wer die Musik zum Spiel komponiert, wobei Naoshi Mizuta als heißer Kandidat galt, da er auch bei T4HoL Komponist war. Indes hat Tomoya Asano erklärt, es handle sich um eine externe Person, deren Namen er noch nicht nennen könne. Es sei aber eine «interessante Persönlichkeit».
Über die Handlung ist leider so gut wie nichts bekannt. Sicher ist, daß es vier Hauptfiguren geben wird, die aus dem Land Luxemdark (ルクセンダルク) stammen. (Eine offizielle Romanisierung des Namens steht noch aus.) Im Laufe der Geschichte sollen sie zu «Kriegern des Lichts» berufen werden. Insofern scheint es auf typische FF-Kost hinauszulaufen.
Also nur ein hübsch gemachtes J-RPG der alten Schule?
Nein, denn eine große Besonderheit bietet «Bravely Default» doch: Es ist einer der ersten Titel, der das Augmented Reality Feature des Nintendo 3DS in sein Spielprinzip integriert. Vielleicht ist euch AR bereits bekannt, falls nicht: Augmented Realitiy heißt soviel wie «erweiterte Realität» und beschreibt in unserem Kontext eine optische Illusion, die Videospielfiguren und Landschaften aus der Konsole in eure Wohnung holt. Das klingt jetzt vermutlich etwas merkwürdig, wird aber in diesem Video sehr schön dargestellt: Ihr filmt mit dem 3DS eine simple Pappkarte ab. Auf dem oberen Bildschirm des DS seht ihr die Karte auf dem Tisch im Zimmer liegen. Nach kurzer Zeit erhebt sich eine Figur aus der Karte und scheint lebendig zu werden. Sie wandelt auf dem Wohnzimmertisch umher und man kann mit ihr interagieren. Der 3DS-Bildschirm dient quasi als Mittler, mit dem ihr eure Wahrnehmung der Realität um Elemente aus dem Spiel erweitern könnt.

Die mysteriöse Heldin des Spiels – von Fans auch AR Girl genannt.
Wie man sich dies bei «Bravely Default» vorzustellen hat, zeigt u.a. ein Artikel bei Siliconera auf. Die Redakteure konnten eine junge schwarzhaarige Frau aus der Spielwelt in die Realität holen. Das Mädchen war zuvor schon auf einem Artwork zu sehen gewesen. Ungleich beeindruckender als diese Screenshots muß die AR-Demo zum Spiel sein, die Square Enix unlängst veröffentlicht hat.
Ein Fan hat mit der AR-Demo vom offiziellen Internetauftritt zum Spiel nachfolgendes Video aufnehmen können. Es ist auf englisch untertitelt und zeigt zunächst die männliche Hauptfigur. Diese fragt den Spieler, ob er Zeit habe, bei der Suche nach dem AR Marker zu helfen. Nun wird eine vorbereitete AR Card abgefilmt. Ein Anhänger erscheint auf dem Bildschirm und dann taucht das schwarzhaarige Mädchen wie aus dem Nichts auf. Sie scheint in einer anderen Dimension gefangen zu sein und ist offensichtlich sehr aufgeregt. Sie bittet den Spieler flehentlich um Hilfe zur Rettung ihrer Welt. Wie Asano bereits verriet, wird sie eine der vier Hauptfiguren sein.
Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Fakten:
Ein Final-Fantasy-Klon von der Firma, die Final Fantasy erfunden hat, dazu der lächerliche Titel; da werden einige schon aus Prinzip meckern. So merkwürdig der Titel auch anmutet: das Spiel dahinter hat mir auf den ersten Blick unheimlich gut gefallen. In den Bildern und Videos wird etwas von der Heiterkeit der alten FF-Episoden spürbar, die in den neuen Teilen verlorengegangen ist. Das Spiel ließ mich auch gleich an Final Fantasy IX denken – für mich persönlich das letzte rundum gelungene Final Fantasy. Ob «Bravely Default» an die frühere Qualität der FF-Reihe anknüpfen kann, ist natürlich bei aller Liebe fraglich. Doch wenn die Entwickler die Schwachpunkte von «The 4 Heroes of Light» (insbesondere das Kampfsystem) ausräumen können, und die AR-Funktion mehr als nur ein nettes Gimmick ist, besteht Hoffnung auf ein wirklich gelungenes J-RPG, das altbekannte Konzepte gekonnt mit neuen Ideen mischt. Wer die alten FF-Teile mag, sollte dieses Spiel unbedingt im Auge behalten.
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