Tifas Geschichte: Kapitel 2

von Mulle

Tifa und ihre Gefährten gingen gemeinsam Aerith besuchen. Aerith, die nun auf dem Grund des Sees in der Vergessenen Stadt ruhte. Die Welt, die sie mit ihrem Leben gerettet hatte, würde nun wieder in Ordnung kommen. Das behaupteten zumindest alle. Tifa hörte eine Stimme, die fragte, ob sie in Ordnung sei. Sie wußte nicht, ob es Aerith’ Stimme war, oder ihre eigene. Da konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten und fing zu weinen an. Als Sephiroth damals Aerith ermordete, hatte Tifa nicht getrauert. Ein bißchen schwermütig war sie natürlich schon gewesen, doch die Schwermut wandelte sich in Bitterkeit und bald in Zorn und Haß gegen ihren Feind -  Sephiroth. Da sie nun an jenen Ort zurückgekehrt war, fühlte sie erstmals, wie das Geschehene ihr Herz zerriß und sie in tiefe Trauer stürzte. Doch dies war es eben, was eine Mitgliedschaft bei AVALANCHE mit sich brachte.

„Es tut mir so leid. Es tut mir wirklich sehr leid.”

Sie fühlte Clouds Hand auf ihrer Schulter. Er hielt sie so fest umklammert, daß sie nirgendwo hätte hingehen können. Jetzt ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Alles andere würde sie ihm überlassen.

Allein wußte sie nicht, was sie tun sollte.

* * *  * * *  * * *

Tifas Gefährten, die mit ihr den ganzen beschwerlichen Weg der Reise gegangen waren, trennten sich so schnell und einfach voneinander, wie sie einst zusammengefunden hatten. Vincent verschwand wie ein flüchtiges Gesicht, das neben einem in der Bahn sitzt und irgendwann aussteigt. Yuffie protestierte. Sie fand es nicht richtig, sich auf diesem Wege zu trennen, nachdem sie doch das alles als Freunde durchgemacht hatten. Barret belehrte sie, daß sie sich jederzeit wiedersehen könnten. Oder war es Cid? Nachdem sie sich fest versprochen hatten, eines Tages wieder zusammen zu finden, trennen sich Tifa, Cloud und Barret von den anderen, um nach Corel zu gehen. Es war Barrets Heimatstadt. Die Tragödie, die sich dort wegen des Makos ereignet hatte, war der Anfang seiner Reise gewesen. Nach einem Moment der Ruhe, erklärte er den Anderen, daß sie ihm nicht folgen sollten. Auch er hatte Sünden mit sich zu tragen.

Sie gingen auch nach Nibelheim, der Heimatstadt von Tifa und Cloud. Sie fühlten kein bißchen Nostalgie. Sie wurden an den Vorfall erinnert, der sich in der Stadt ereignet hatte.

„Ich hätte nicht herkommen sollen”, sagte Cloud. „Dieser Ort bringt mich zurück in eine Vergangenheit, mit der ich abschließen will.”

Clouds Worte drückten aus, was Tifa im Innersten fühlte.

* * *  * * *  * * *

Dann gingen sie nach Kalm. Dort wartete Aerith’ Pflegemutter Elmyra auf sie und das Mädchen, auf das sie aufpaßte – Marlene. Verwandte von Elmyra besaßen ein Haus in Kalm und dort waren sie untergekommen. Barret und Marlene waren sehr froh sich wieder zu sehen. Cloud erzählte Elmyra, was Aerith zugestoßen war.

Es gab kein Anzeichen dafür, daß Elmyra verstand was passiert war, doch Tifa, Cloud und Barret entschuldigten sich dafür, nicht in der Lage gewesen zu sein, Aerith zu retten.

„Ihr habt alles getan was ihr konntet. Es gibt keinen Grund sich zu entschuldigen”, erwiderte Elmyra.

Tifa und ihren Begleitern fiel darauf keine Antwort ein.

Haben wir wirklich alles getan, was in unserer Macht stand?

Es kamen viele Menschen nach Kalm, die Zuflucht suchten. Die einfachen Häuser wurden zu Notunterkünften. Die Bewohner von Kalm verlangten nichts von ihnen. Auch die Gasthäuser stellten kostenfrei Räume für die Menschen zur Verfügung. Es war, als wenn alle Menschen zusammenarbeiten würden, um die Welt wieder aufzubauen.

„Los, laßt uns nach Hause gehen”, sagte Cloud schließlich.

„Wohin?” fragte Barret.

„Zurück zu unserer Alltäglichkeit.”

„Was zur Hölle meinst du damit?”

„Unser normales Leben wiederaufnehmen.”

„Und wo haben wir sowas wie ein ‚normales Leben’?”

„Wir werden eines  finden.” Cloud blickte zu Tifa und vergewisserte sich: „Richtig?”

„Yeah!”, rief Marlene vergnügt. Tifa nickte zustimmend, aber genau wie Barret fragte sie sich, wie sie ein normales Leben finden sollten.

Die vier zog es also zurück nach Midgar. Die Stadt erholte sich von dem Schock und dem Chaos, das dort nach der Vernichtung Meteors geherrscht hatte. Die Leute waren wieder auf dem Weg in die Zukunft zu schauen… Nein, eigentlich klammerten sie sich bloß an das wenige, das ihnen im Leben geblieben war. Tifa fühlte sich schuldig, als sie das sah. Wenn sie von oben auf Midgar herabblickte, wünschte sie manchmal, daß alles hinfort gespült worden wäre. Sie wußte nicht, daß dort noch so viele lebten. Tifa konnte sich nicht verzeihen, daß sie so selbstsüchtig gewesen war. Als sie wieder auf dem Luftschiff waren, sprach sie mit Cloud und Barret über ihre Gedanken. Die Beiden verstanden, was sie fühlte und stimmten mit ihr überein. Aber sie erinnerten sie auch daran, daß es keinerlei Möglichkeit gab – egal wo sie waren oder was sie auch immer sie tun würden -, die Sünden aus ihrem Bewußtsein zu streichen.

„Aus diesem Grund werden wir weiterleben. Wir werden weiterleben, bis wir unsere Schuld beglichen haben”, sagte Barret.

Als Tifa und Cloud alleine waren, sagte er zu ihr: „Du solltest dir nicht so viele Gedanken machen.”

„Es ist halt… die Art wie ich bin.”

„Nein, du bist vergnügt und stark. Wenn du vergessen hast wie du vorher einmal warst, dann bin ich da, um dich zu erinnern.”

„Das würdest du wirklich machen?”

„Bestimmt”, antwortete Cloud errötend.

***  ***  ** *

Das erste was sie taten, war Informationen in Midgar und der Umgebung zu sammeln. Es mangelte an allem, aber schlimmer war, daß es keine Informationen darüber gab, wo man Dinge herbekommen konnte. Die drei teilten sich auf und liefen durch Midgar, um in Erfahrung zu bringen, wer welche Dinge brauchte und wo er sie herbekommen konnte. Sie halfen den Leuten, die nicht selbst klar kamen. In der Nacht schliefen sie unter einer der Platten von Midgar, von der es hieß, daß sie jederzeit runterfallen konnte.

Eines Tages kam Barret mit einem Kasten Wein, einem Heizofen und ein paar Früchten an. Es war ein kleines Dankeschön, weil er jemandem geholfen hatte sein Haus zu demontieren.

„Schaut nur”, sagte Barret stolz, während er geschickt ein Gericht zubereitete, das sie nie zuvor gesehen hatten.

Zwei Wochen später kosteten sie den Wein. Sie fanden heraus, daß es ein besonderer Wein war, gemacht in der Stadt Corel. Tifa und Cloud nippten langsam an ihrem Wein. Barret dagegen trank so viel, daß man in der Menge hätte baden können. Er sah aus, als würde er den Rausch genießen, während er in Erinnerungen an die friedlichen Zeiten schwelgte. Er erzählte seinen Freunden, wie er einmal sturzbetrunken in einen Brunnen gefallen war. Oder wie er leicht angetrunken um die Hand seiner – nun verstorbenen – Frau angehalten hatte. Seine Geschichten waren so witzig, daß Cloud und Tifa aus dem Lachen nicht mehr herauskamen.

Am nächsten Tag fragte Barret in geschäftigem Tonfall: „Warum starten wir nicht ein Unternehmen und verkaufen diesen Wein?”

„Wir?” erwiderte Cloud überrascht.

„Natürlich, du Idiot! Wir können keine Kunden anziehen. Tifa muß das machen.”

„Ich?”

„Du bist gut darin.”

Vor nicht allzu langer Zeit hatte AVALANCHE sein Versteck in einer Bar namens Siebenter Himmel gehabt. Die Gruppe hatte ihren Unterhalt mit den Einnahmen aus der Bar bestritten. Tifa war die Barkeeperin dort gewesen, oder genauer die Managerin. Barret fuhr mit seinem Gedanken fort:

„So wie ich das sehe, kann man die Leute in Midgar in zwei Gruppen teilen. Die, die den ganzen Tag herumtrödeln und einfach nicht akzeptieren können was passiert ist mit der Stadt, und diejenigen, die arbeiten um weiterzuleben. Ich kann beide verstehen. Beide Gruppen sind mit den gleichen Problemen konfrontiert, doch sie werden unterschiedlich damit fertig, richtig? Aber die Lösung jedermanns Problem ist Wein.”

„Wie das?”

„Ich weiß nicht. Aber als wir gestern halb betrunken waren, haben wir wieder gelacht. Wir haben unsere Probleme einfach vergessen. Man ist eine Weile darüber hinweg.”

„Ja, ich denke du hast recht.”

„Man braucht diese Möglichkeit, um herunterzukommen, oder? Tifa, was denkst du?”

Tifa konnte nicht sofort antworten. Sie wußte, was Barret meinte. Aber für sie war der Gedanke, eine Bar zu eröffnen, schmerzhaft an die Erinnerung mit AVALANCHE gebunden.

Cloud ergriff das Wort: „Tifa, los gib dir einen Ruck. Wenn es uns zu hart wird, können wir einfach aufhören.”

„Es wird schon nicht so schwer werden. Wenn Tifa nicht endlich anfängt zu arbeiten, wird sie nie aufhören, über ihre Probleme nachzugrübeln. Und dann irgendwann wird sie zu nichts mehr zu gebrauchen sein.”

Das könnte stimmen.

Die Drei trafen Vorbereitungen. Sie entschieden, ihr Unternehmen in der neuen Stadt Edge, im Norden Midgars zu errichten.

All die Leute, denen Barret und Cloud zuvor geholfen hatten, kamen zusammen. Sie brachten die Baustoffe, die sie zur Errichtung des Geschäfts benötigten.

Barret brüllte Anweisungen, während Cloud herumging, um ihn mit gemäßigter Stimme zu korrigieren. Tifa lernte währenddessen wie man Wein aus Corel kelterte und ihn schmackhaft servierte. Sie dachte auch über Speisen nach, die sie ihren Gästen anbieten könnten. Marlene war wie ein Maskottchen für die Leute, die halfen die Bar zu errichten. Es war, als wenn sie ausdrücklich betonen wollte, daß sie die neue Barkeeperin würde. Jene Tage waren voll harter Arbeit, doch gleichzeitig bereicherten all die Probleme des täglichen Lebens ihre Herzen. Manchmal ertappte sich Tifa mit Schuldgefühlen, denn wie konnte sie nur lachen, angesichts der Sünden, die sie begangen hatte? Doch bevor sie darüber nachdenken konnte, hatte sich wieder irgend jemand mit einer Frage an sie gewandt und lenkte sie von den trüben Gedanken ab.

„Ein paar Tage noch, und die Bar kann eröffnet werden”, sagte Cloud eines Tages.

Barret fragte, welchen Namen sie der Bar geben wollten. Es gab ein paar Vorschläge, aber die von Cloud waren langweilig und bedeutungslos und Barrets erinnerten an gräßliche Monster. Am Ende war es sowieso Tifas Entscheidung. Die beiden Männer versprachen ihr auch, daß sie sich nicht beschweren würden, wie auch immer der Name lautete. Aber bald schon stand der Eröffnungstag bevor und Tifa war bei all der Arbeit nicht dazu gekommen, über einen Namen nachzudenken. Nun lief ihr die Zeit davon. Dann kam Marlene und fragte, wie es denn mit dem Namen für die Bar voranginge.

„Wir denken noch darüber nach.”

„Ich wünschte, es wäre der Siebente Himmel”, sagte Marlene. Es war genau der Name, den Tifa hatte vermeiden wollen.

Die Vergangenheit jetzt in mir zu haben, ist schon genug. Es gab keinen Grund es mir noch schwerer zu machen, indem ich einen Namen wähle, der mich an damals erinnert.

„Warum?”

„Weil es da so lustig war. Wenn wir es Siebenter Himmel nennen, haben wir wieder soviel Spaß wie damals.”

Wir hatten vergessen, daß die Probleme von uns Erwachsenen nichts mit Marlene zu tun hatten. Für sie war der Siebente Himmel einfach ein fröhliches Zuhause gewesen, wo Barret, Tifa und ihre ganzen Freunde gelebt und gelacht hatten.

„Hmmm, Siebenter Himmel…”

Ich konnte meine Vergangenheit nicht auslöschen. Ich konnte nur einen Kompromiß mir ihr schließen und weiterleben.

Tifa entschied, daß sie bereit war.

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